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Nov
18
2009

Woran knabbern Frauen, wenn sie die Brötchen verdienen?

Sex Roles [Springer Science+Business Media-18.11.09] Neue Studie gibt Einblick in die Gedanken, Gefühle und Erfahrungen berufstätiger Frauen

Laut Dr. Rebecca Meisenbach von der University of Missouri in Columbia, USA, zählen Kontrolle, Unabhängigkeit, Ehrgeiz, Druck, Sorgen, Schuldgefühle und Ärger zu den Erfahrungen berufstätiger Frauen. Dr. Meisenbach beobachtete Frauen in Amerika, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie sie sich fühlen, wenn sie die Hauptverdiener in einem Haushalt sind. Ihre Untersuchung wird online im Fachjournal Sex Roles von Springer veröffentlicht.

In Industriegesellschaften gibt es heutzutage immer mehr Frauen, die Hauptverdiener in der Fa-milie sind. Für das traditionelle westliche Rollenverständnis ist dies eine Herausforderung. In vielen Ländern gilt der Mann idealtypisch als Ernährer und dies hat auch Einfluss auf die politi-schen Rahmenbedingungen. Das Idealbild des Ernährers ist gekoppelt an eine männliche Identität. So wird beispielsweise Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung des Mannes als Bedrohung seiner Männlichkeit empfunden.

In ihrer Studie befragt Dr. Meisenbach Frauen dazu, wie sie ihre Rolle als Ernährerin empfinden. Sie stellt die Hypothese auf, dass Geschlechter-Stereotypen und die Ernährerrolle bei Frauen zu mehr Spannungen führen, als wenn Männer das Geld nach Hause bringen. Das hängt zum Teil auch damit zusammen, dass Frauen aus einem bestimmten kulturellen Kontext nach wie vor mit der Erwartung konfrontiert sind, sich um die Kinder zu kümmern, selbst wenn sie arbeiten gehen.

Dr. Meisenbach führte mit 15 Frauen im Alter zwischen 26 und 63 Jahren Tiefeninterviews, die sie über elektronische ‚Schwarze Bretter‘ und persönliche Kontakte fand. Sie befragte sie zur persönlichen Geschichte, zu den Erwartungen an ihr Berufsleben und wie sie zur Ernährerin mit den entsprechenden Erfahrungen wurden. Sie bat sie darum, den Übergang zur neuen Lebenssi-tuation zu beschreiben, sofern sie nicht mehr Hauptverdiener in der Familie waren.

Sechs gemeinsame Themen spiegelten sich in den Erfahrungen der Frauen wider – sozusagen das Wesentliche ihrer Rolle als Ernährerin im Mittleren Westen und Osten der USA:

  • Kontrollmöglichkeiten – auch wenn nicht alle Frauen danach strebten, genossen die meisten diese Möglichkeiten
  • Unabhängigkeit – wurde von allen Frauen als Teil ihrer Identität geschätzt
  • Druck und Sorgen – die Kehrseite, Ernährerin zu sein
  • die Frauen hatten das Gefühl, sie müssen dem Partner zeigen, dass sie seinen Beitrag zur Familie wertschätzen, damit er seine geschlechtsspezifische Identität bewahren kann
  • Schuldgefühle und Ärger – Frauen kämpfen mit gesellschaftlichen und persönlichen Er-wartungen und denen ihrer Partner
  • Ehrgeiz – drückt sich aus durch Zielstrebigkeit und starken Willen zum Erfolg.

In der wissenschaftlichen Veröffentlichung von Dr. Meisenbach werden auch einige praktische Auswirkungen ihrer Forschungsergebnisse vorgestellt. Diese Erkenntnisse können Frauen ganz individuell helfen, mit ihrem eigenen Identitätsverständnis umzugehen. Bei Kommunikationsproblemen könnten diese wesentlichen Erfahrungen von Frauen Paaren und Familien helfen, mit dieser neuen Frauenrolle umzugehen. Unternehmen müssen Regelungen einführen, die berücksichtigen, dass sowohl männliche als auch weibliche Mitarbeiter Hauptverdiener sein können. Aus Sicht von Dr. Meisenbach werden die Belastungen durch Arbeit und gleichzeitige Mutterschaft in den amerikanischen Unternehmen nicht durch entsprechende Rahmenbedingungen berücksichtigt.

Ihre Schlussfolgerung: „Frauen als Ernährerinnen spielen eine immer wichtigere Rolle in unserer heutigen Gesellschaft. Sie wird immer selbstverständlicher und wirkt sich auf die Familienbeziehungen, das eigene Rollenverständnis und die entsprechenden Rahmenbedingen in Unternehmen aus.“

Quellenangabe
1. Meisenbach RJ (2009). The female breadwinner: phenomenonological experience and gendered identity in work-family spaces. Sex Roles DOI 10.1007/s11199-009-9714-5

Quelle Pressemitteilung: www.springer-sbm.com (18.11.2009)

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