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Jan
10
2011

Was Marburger Medizinstudenten von Dr. House lernen können – und was nicht

Dr. House [Georg Thieme Verlag-10.01.11] fzm – Dr. House, der geniale, aber zynische Arzt einer US-amerikanischen Fernsehserie, unterstützt an der Universität Marburg die Ausbildung des medizinischen Nachwuchses. Ein Begleitseminar erfreut sich großer Beliebtheit bei den Studenten. Der Initiator sieht in einem Beitrag in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2010) darin die Chance, mithilfe dieser Medien die Wissensvermittlung im Studium zu verbessern.

Seit Mai 2006 diagnostiziert Dr. Gregory House jeden Dienstagabend in jeweils 45 Minuten außergewöhnliche Krankheitsbilder. Die Sendung wird – wie viele Arztserien – von den meisten Medizinstudenten und auch von Assistenzärzten regelmäßig gesehen. Dies veranlasste Professor Jürgen Schäfer von der Philipps-Universität Marburg, zunächst als eine Art „Aufmunterer”, kurze Einblendungen aus den Sendungen für seine Vorlesung zu verwenden. Seit dem Wintersemester 2008 bietet er ein eigenes Seminar „Dr. House revisited” an. Das Motto: Hätten wir den Patienten in Marburg auch geheilt? Die Veranstaltung ist gut besucht trotz der für Studenten ungünstigen Zeit. Sie findet nämlich samstags früh oder am Dienstagabend statt – unmittelbar vor dem nächsten Sendetermin.

Die Serie „Dr. House“ eigne sich gut für die Medizinerausbildung, weil sie seltene Krankheitsbilder, für die Studenten oft nur schwer zu begeistern seien, spannend darstelle, findet Professor Schäfer. Die Krankheitsfälle seien vergleichsweise gut recherchiert, viele seien aus der medizinischen Fachliteratur entnommen. Für den Dozenten Schäfer liefern sie ideale Vorlagen für eine ausführliche Diskussion im Hörsaal. Vorbildlich findet der Internist, dass Dr. House mit seinem Team ausführlich über die in Frage kommenden Diagnosen diskutiert. Zum Teil zeige er überraschende Fachkenntnisse, zum Teil seien die Folgerungen, so Professor Schäfer, aber auch “ohne jedweden Sinn und Verstand”.

Genau diese Unsicherheit steigere die Attraktivität des Seminars, schreibt Professor Schäfer: Denn um später mitreden zu können, möchten die Studenten natürlich wissen, was in der Serie Fakt und was Fiktion ist. Es sei ein Denkfehler zu glauben, dass medizinische Fernsehserien nur dann lehrreich sein könnten, wenn alles vollkommen real ist. Professor Schäfer stört auch nicht, dass sich Dr. House vor allem mit extrem seltenen Erkrankungen beschäftigt, die in einer Klinik üblicherweise nur alle paar Jahre auftreten. Die Erkrankungen gehören aber zum Prüfungswissen und ihre Erörterung mache die Studenten mit dem gedanklichen Abläufen in der Diagnostik und dem modernen Instrumentarium vertraut.

Als Mensch ist Dr. House indes kein gutes Vorbild für die Medizinstudenten. Professor Schäfer beschreibt den Hauptdarsteller als drogenabhängigen Zyniker, den die Diagnosefindung mehr interessiere als die Heilung seiner Patienten. Aus Sorge über einen möglicherweise schlechten Einfluss des Fernsehstars auf die charakterliche Ausbildung hat die Universität Marburg ein Gutachten eingeholt. Die Abteilung für Pädagogische Psychologie der Universität bescheinigt den Medizinstudenten, dass sie in Dr. House ein ärztliches Vorbild nur in Bezug auf seine diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten sehen.

Seminare wie „Dr. House revisited” sind für Professor Schäfer eine Möglichkeit, die Wissensvermittlung im Hörsaal zu verbessern. Der Dozent hat nämlich bemerkt, dass viele Studenten Vorlesungen nur noch sporadisch besuchen. Viele bezögen ihr Wissen lieber aus alternativen Informationsmedien, insbesondere interaktiven E-Books und dem Internet. Einige würden ihren Laptop sogar bei der laufenden Vorlesung nutzen. Für Professor Schäfer ein Zeichen dafür, dass die Universität die Medien nutzen müsse, um die Studenten wieder in den Hörsaal zu locken.

J. R. Schäfer et al.:
Neue Ansätze zur Wissensvermittlung oder: was können wir vom Fernsehen lernen?
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2010; 135(51/52): S. 2596-2600

Quelle Pressemitteilung: www.thieme.de (10.01.2011)

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